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Autor: aherchi

Birgitta + Stephan Martin

LICHTSPUREN 2014 –
Performance – Installation – Zeichnung
14. Juni bis 6. Juli

Lichtspuren 2014 heißt die zur Kulturnacht eröffnete Ausstellung mit der in Worms geborenen und heute in Hannover lebenden Künstlerin Birgitta Martin. Dabei präsentiert sich der Kunstverein ganz im Dunkeln, erleuchtet lediglich von Schwarzlichtlampen, Video- bzw. Rauminstallationen und einer interaktiven Projektion des Bruders Stephan Martin. Dazu kommt eine Performance der Künstlerin mit Leuchtfarben im Dunkeln: Eine getanzte Zeichnung im Raum zur improvisierten Livemusik von Monika Herrmann am Cello.

SUSANNE NEISS

MISSING – 26. Oktober bis 23. November –

Auf Anregung des Förderkreises deutsch-amerikanischer Freundschaft Worms-Mobile und des Kunstvereins Worms wurde ein Reisestipendium von der Stadt Worms gestiftet. Die in Worms aufgewachsene und heute in Mannheim lebende Fotografin Susanne Neiss war im Sommer in Mobile (Alabama) und wird nun im Kunstverein einige künstlerischen Ergebnisse dieser Reise präsentieren. Dazu kommen aktuelle und ältere Arbeiten,die in der Bretagne und anderswo entstanden sind und die poetische Wahrnehmung der Künstlerin zwischen Realität und Abstraktion vorstellen werden.

 

Katalogtexte:

Missing

Die US-amerikanische Partnerstadt der Stadt Worms ist Mobile in Alabama, 1702 von Franzosen gegründet. Kaum ein Wormser hatte je die Möglichkeit, die Stadt am Golf von Mexiko kennen zu lernen. Umso schöner ist die Initiative von Richard Claus, dem Sprecher des Freundeskreises deutsch-amerikanischer Freundschaft Worms-Mobile, Künstler beider Städte miteinander bekannt zu machen und einen Austausch anzuregen. Vor drei Jahren wurde der Kunstverein Worms angesprochen und konnte mit Susanne Neiss eine in Worms aufgewachsene Künstlerin empfehlen, die sich auf das Abenteuer einlassen wollte, die erste zu sein.

Die Stadt Worms, namentlich ihr Kulturkoordinator Volker Gallé, waren von diesem Projekt ebenfalls sehr angetan und spendierten der Künstlerin den Flug. Susanne Neiss war also 2013 in Mobile, hat dort viele Kunstfreunde kennen gelernt, KünstlerInnen wie auch KunsthistorikerInnen, insbesondere an der University of South Alabama , wo sie Vorträge und Workshops hielt und eine Ausstellung ihrer Fotografien im ‘Departement of Art’ der Universität präsentieren konnte. Ein Jahr später zeigt nun der Kunstverein Worms einen Teil dieser Ausstellung, die Serie “Ysland” wie auch eine kleine Serie von Fotografien, die in den USA entstanden sind, mit dem Titel “Missing”.

Missing bedeutet “fehlen”, “vermissen”, “verschwunden” – als Adjektiv wie auch als Substantiv. Namensgeber ist eine Fotografie von Susanne Neiss, die eine Fehlstelle an einer Wand zeigt, an der einmal ein Bild hing, ein Schatten also, eine Spur. Diese Blicke auf marginale Motive am Rande der Realität sind sehr typisch für die in Mannheim lebende Künstlerin. So hat sie natürlich auch keine Sight-seeing-Fotos aus den USA mitgebracht. Lediglich ein Park mit subtropischer Vegetation und wundersamen Lichtstimmungen hat sie als Erinnerungsbilder geschossen. Vielmehr liebt sie die poetischen Streiflichter, die lyrischen Wahrnehmungen im Vorbeigehen, die keine Oberflächen ablichten wollen, sondern eher innere als äußere Bilder darstellen. So schreibt Susanne Neiss: “Es geht mir um Gefühle, die man verdrängt hat, die aber im Verborgenen ihre Macht entfalten. Wo sind Gefühle und Erinnerungsbilder, wenn wir sie verdrängen? Können Gefühle und Bilder, die einmal zusammen gehört haben, auseinander fallen? Können Gefühle an Stellen auftauchen, wo sie ‘nicht hingehören’?”

Susanne Neiss bereist die Welt, zeigt uns in diesem Katalog auch Bilder aus der Bretagne und solche aus den USA, die aber letztlich überall entstanden sein könnten. Denn die Künstlerin macht introspektive Bilder, in denen sie über all zu Hause ist. Dazu gehören auch Fotos, die nichts erzählen, keine erkennbaren Motive abbilden, sondern gegenstandslos erscheinen und höchstens als Lichtreflexe zu identifizieren sind. Hier wird das Emotionale besonders deutlich, weil Gefühle meistens undeutlich sind, und sich kaum in Worte fassen lassen. Gefühle artikulieren sich ästhetisch als freie Farb- und Formkreationen, sind malerische Motive, die man an fremden Orten entdecken kann, und doch schon lange in sich selbst herumgetragen hat.

Dr. Dietmar Schuth

 

ysland

Der Name “ysland” ist ein Wortspiel aus “Island” und “Ys”, der Sage von einer untergegangenen Stadt in der Bretagne. Eine Insel kann sowohl für positiven Schutz stehen als auch für eine ungute Isolation. Hier blickt man zunächst auf etwas, das wie ein zerschossenes Fort aussieht, man weiß nicht aus welcher vergangenen Zeit das Gemäuer stammt, aufgenommen ist das Bild im militärischen Sperrgebiet, in der Bucht liegen französische Atom-U-Boote.

Man kann sich vorstellen, über die Brücke auf die Insel zu gelangen, auf der einem merkwürdige Dinge begegnen können: ein versteinerter Schuh, ein Autowrack. Gab es hier einen Unfall? Die nächsten beiden Bilder erscheinen wie ein Abtauchen in Gefühle, man stößt auf eine eigenartige Form, eine Puppe in einem Luftballon, und eine Vogelscheuche mit zwei Köpfen. Irgendetwas scheint hier mit der Abgrenzung durcheinander geraten zu sein.

Die Farbflächen auf schwarzem Hintergrund sind Aufnahmen fluoreszierender Steine unter Schwarzlicht, bei dem sich Strukturen zeigen, die unter normalen Licht verborgen bleiben. Die Steine vom Anfang sind nun in Farbe verwandelt. Das Bild des Kinderschwimmrings danach ist wie ein rettender Wirbel, der vielleicht etwas Neues ermöglicht, die gelbe Form danach, die Aufnahme eines Loches in einem Bauzaun lässt an einen aufsteigenden Vogel denken, was das Gefühl der Leichtigkeit und des Schwungs verstärkt.

Susanne Neiss

 

 

Marc Taschowsky

PITTI PLATSCH –

27.4. – 1.6.2014 –

Der 1972 in Frankfurt am Main geborene Marc Taschowsky studierte er an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und lebt seit einiger Zeit in Berlin. Seine Malerei und Plastik lässt sich als eine erfrischend neue und malerisch sehr virtuose Pop-Art bezeichnen, die ihre Motive wie einst ein Roy Lichtenstein aus Comics und anderen kindlichen Bildwelten bezieht. Dazu kommen scharfe Pin-up Girls oder Hollywood-Ikonen, aber auch Tiere und surreale Lebewesen, die sich in einer phantastischen Traumlandschaft zu einer gleichermaßen sinnlichen wie rätselhaften Kunst vereinen. Es ist ein Katalog erschienen.

Katalogtext:

splash pitti platsch

Kinder haben heutzutage eigene TV-Kanäle und Computerspiele und leben in einer phantastischen Bilderwelt, die von unzähligen Monstern, sprechenden Tieren und andere Gestalten bevölkert wird, die man konservativ als Puppen bezeichnen könnte. Noch vor 60-70 Jahren spielte kind in Deutschland fast ausschließlich mit echten Puppen und plüschigen Stofftieren und las die wenigen Kinderbücher der Eltern und Großeltern wie den ‘Struwwelpeter’ oder ‘Max und Moritz’. Doch in den 1950er Jahren verbreitete das Fernsehen neue Helden wie das ‘Sandmännchen’, die Marionetten der  ‘Augsburger Puppenkiste’, amerikanische Comics und Zeichentrickfilme von Walt Disney mit Mickey Mouse oder Donald Duck bis hin zu Tierfilmen mit Lassie, Flipper und Furi.

Das alles wird der 1971 geborene Marc Taschowsky kaum kennen, obgleich ein Oldie wie der gute alte Teddybär auch bei ihm noch lebendig ist. Seine hier vorgestellten Figuren sind etwas jünger: Biene Maya, Dinos, Frosch Kermit und andere Puppen aus der Sesamstraße bis hin zu Außerirdischen aus amerikanischen Science-fiction-Filmen der 80er Jahre. Umgekehrt sind einige dieser Figuren älteren Betrachtern nicht mehr geläufig. Ein spannendes Feld für die Ikonographie der Zukunft.

Spätestens seit Paul Klee spielen die Idole der Kindheit auch in der Kunst eine Rolle. Die Malerei der Moderne, insbesondere der Surrealismus, fand in der Regression ein scheinbar unverdorbenes Reservoire der Phantasie und echten Gefühle, die man in einer von Weltkriegen gebeutelten Welt als ein Refugium entdeckte. Ja, man kann sogar noch weiter zurückschauen und in der Romantik des 19. Jahrhunderts den Beginn dieser Entwicklung sehen. Die Hinwendung zu Märchenstoffen und infantilen Sehnsüchten äußerte sich in der Malerei, die sich beispielsweise bei einem Moritz von Schwind auch in einem bewusst naiven und kinderbunten Malstil entfaltete.

In diesem Sinne erscheinen die Bilder von Marc Taschowsky kunsthistorisch interessant, insbesondere ikonografisch. Denn seine Kinderfiguren sind nicht nur süße Zitate. Jede einzelne Figur kann als eine Art moderner Archetyp betrachtet werden, als guter oder böser Charakter, lustig, frech oder traurig. In den Augen eines Kindes sind sie als Identifikationsfiguren nicht anders als die vielen Teufel und Engel der mittelalterlichen Malerei. Vor allem die Tiere verkörpern (wie schon im Mittelalter) in der Bildwelt des Marc Taschowsky das Böse: Gorilla, Orka, Weißer Hai und Jaguar sind leibhaftige Angst und Gefahr. Auch die scheinbar süßen Helden wie Pinocchio oder Biene Maya sind nicht nur süß, sie verkörpern durchaus tragische Figuren. Der Mythos einer unschuldigen und lieblichen Kindheit ist wirklich nur ein Märchen.

Im Mittelalter galten Kinder als leichte Beute des Teufels. Der Kirchenvater Augustinus glaubte, dass Säuglinge in Sünde geboren werden, als Kinder der sündigen Fleischeslust von Mann und Frau, mehr als jeder Erwachsene mit der Erbsünde Adams und Evas behaftet. “Zudem sind sie laut, launisch, eifersüchtig und triebhaft. Schwach und unschuldig sind nur die kindlichen Glieder, nicht des Kindes Seele.” Ein Jesusbild von Marc Taschowsky macht deutlich, dass auch er sich mit unserer christlichen Kultur beschäftigt und solche Vergleiche sinnvoll sind. Damit kommen wir zu einem zweiten ikonographischen Thema, das in den Bildern des Marc Taschowsky scheinbar völlig disparat zum ersten erscheint. Während der eine Teil als Comic für Kinder ab 4 Jahren frei gegeben ist, scheint der andere Teil für Betrachter unter 16 Jahren verboten.

Die Rede ist von der Sexualität, die in unserer Kultur schon immer aus biologischen wie auch moralischen Gründen möglichst lange von Kindern fern gehalten wird. Doch in den Bildern von Marc Taschowsky sieht man Affen, Frösche und Schnecken, die miteinander kopulieren oder Frauen, die sich auf Gummipuppen selbst befriedigen. Schöne Frauen, sexy wie die Sünde, beherrschen viele seiner Bilder. Sie erscheinen als Pin-up Girl beim Posing, als nasse Nymphen und feuchte Phantasie oder als eine Art Lara Croft. Doch es gibt auch unschuldige Mädchen, die mit einem Teddy tanzen, auf einer Schaukel träumen oder als unnahbare Schönheiten auf Distanz gehen. Schon Sigmund Freud wies darauf hin, dass der libidinöse Trieb des Menschen elementar ist und in sublimierter Form die wichtigste Triebkraft des Künstlers darstellt.

In Verbindung mit dem Rekurs auf die nur scheinbar unschuldige Welt der Kindheit entwirft Marc Taschowsky mit seinen Sexsymbolen bewusst oder unbewusst Allegorien auf Unschuld und Sünde, auf das Gute und Böse in dieser Welt, auf Liebe und Gewalt. Das kann man psychologisch betrachten, oder aber einfach als eine ungeheuer dynamische Malerei, die sich in virtuoser Maltechnik mit sinnlichen Farben und tachistischen Gesten in hohem Maße ästhetisch entfesselt und damit doch die von Freud geforderte Sublimierung einlöst.

Dr. Dietmar Schuth

Achim Freyer

MALER UND REGISSEUR –

13. Juli bis 17. August –  im Museum Heylshof + im Kunstverein –

Der große Theatermann und Maler Achim Freyer feierte dieses Jahr seinen 80. Geburtstag. Grund genug, ihn in einer Doppelausstellung zu ehren: Im Museum Heylshof dokumentiert das Nibelungenmuseum die Arbeit als Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner seiner zwei Ring-Inszenierungen in Los Angeles und Mannheim. Im Kunstverein Worms hingegen präsentiert Achim Freyer seine Malerei, ohne die seine einzigartige Bühnenkunst kaum zu verstehen ist. Das ganze Projekt ist eine Kooperation mit den Nibelungenfestspielen Worms und dem Nationaltheater Mannheim.

Katalogtext:

Achim Freyer – Maler und Regisseur

In diesem Jahre feierte der Berliner Künstler Achim Freyer seinen 80. Geburtstag. Als Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner für Schauspiel und Musiktheater ist er noch immer auf der ganzen Welt fast rastlos unterwegs. Er ist berühmt und hat dem Theater wahrlich neue ästhetische Dimensionen eröffnet. Wie kaum ein anderer hat er eine malerische Bildsprache auf die Theaterbühne gezaubert und seine zweidimensionalen Bilder in eine dritte und vierte Dimension versetzt. Seine Figuren sind der Leinwand entsprungen und agieren als reale Lebewesen auf der Bühne. Man denkt an den antiken Bildhauer Pygmalion aus den ‘Metamorphosen’ des Ovid oder an Carlo Collodis ‘Pinnochio’, der vor allem in Freyers Mannheimer ‘Siegfried’ neu belebt wurde.

Seit 1956 ist Achim Freyer als Maler (und Bildhauer) freischaffend tätig und war als bildender Künstler u.a. an der documenta 6 und der documenta 8 in Kassel beteiligt. Manchen mag Freyers Malerei weniger bekannt sein, denn seine glänzende Theaterlaufbahn überstrahlt die Leistungen als Maler, so dass diese Kooperation zwischen Nibelungenmuseum, Nibelungenfestspielen, Museum Heylshof, Nationaltehater Mannheim und Kunstverein für viele eine Überraschung darstellen kann.

Seit mehr als 50 Jahren pflegt Freyer die Malerei als eine eigenständige Kunst, meist an seinem zweiten Wohnort in der südlichen Toskana. Hier entfaltet sich eine Bildwelt zwischen geometrischer Abstraktion und figurativer Assoziation. Oft hat man Freyers durchaus rätselhafte Kunst mit dem Neoexpressionismus der 1980er Jahre in Verbindung gebracht, die – einem A.R. Penck vergleichbar – nach den menschlichen Archetypen forscht und sich dabei einer atavistischen, vielleicht auch kindhaften Figuration bedient.

Dies gilt vor allem für die seit 1996 entstandenen ‘Köpfe’, die in beiden Teilen der Ausstellung einen großen Platz einnehmen und sich – bis auf wenige freundliche Ausnahmen – als ein Pandämonium präsentieren. Im Museum Heylshof sind die Entwürfe zu den Figuren in Wagners Ring zu sehen, zu Wotan, Siegfried, Erda, Freia und all den anderen ‘Dämonen’ seiner beiden Ring-Inszenierungen in Los Angeles (2009f) und Mannheim (2011f). Hinzu kommen Modelle, Ablaufpläne, Kostüme und Requisiten beider Inszenierungen. Im Kunstverein hingegen werden andere, anonyme, doch sehr verwandte Physiognomien gezeigt.

Darüber hinaus zeigt der Kunstverein die geometrisch-abstrakten Bilder Achim Freyers, die nicht unmittelbar mit Theaterproduktionen in Verbindung stehen, so doch durchaus mit Bühnenbildentwürfen vergleichbar sind. Hier ist der Mensch von der Bühne getreten, regieren Linien, Formen und Formen, die nur manchmal eine konkrete Lesbarkeit besitzen. Manche dieser Bilder sind als Landschaften zu erkennen mit Horizonten, Bäumen und Architekturen. Andere lassen sich als Interieurs ansprechen, in denen Fenster oder Mobiliar zu erkennen ist. Wiederum andere sind als Studie zu Licht und Farbe zu verstehen.

Besonders geheimnisvoll sind die gänzlich gegenstandsfreien Bilder von Achim Freyer, die den Betrachter mit Gesten und emotionalen Psychogrammen konfrontieren, die sich mit einfachen Sprachbegriffen nicht mehr umschreiben lassen. Hier ließe sich von einem abstrakten Expressionismus sprechen, der in den 1950er Jahren, der Jugend des Künstlers, in der westlichen Welt modern war.

Hilfreich ist bisweilen der Blick auf die Biografie des Künstlers, denn Achim Freyer hatte sich in der DDR der sozialistisch-realistischen Kunst verweigert und einer weit abstrakteren Kunst verschrieben. Diese wurde als ‘westlich’ diskreditiert, obwohl sie ganz aus einer inneren Genese heraus geboren war. In diesem Sinne lassen sich manche abstrakte Motive Freyers biografisch deuten: Oft erscheinen meist schwarze oder graue Raster in seinen Bildern, die er selbst durchaus als politische Symbole versteht, weil sie ein in der DDR typisches Lebensgefühl zum Ausdruck bringen, den Zwang zur Konformität und den Verlust der individuellen Freiheit. Bilder also, die Gitter zeigen, können als Gefängnisgitter nachempfunden werden. Bilder die ein horizontales Streifenmuster vor Augen führen, können als eine monoton wiederholte Negationslinie verstanden werden, als Sperre und Barriere.

Ganz ohne Motive, Gesten und erzählerische Momente und damit ohne biografische oder gar politische Deutungsmöglichkeiten sind die rein geometrischen Bilder Achim Freyers. Da sind Zeichnungen, die sich stereometrisch in den Raum öffnen und wie Ideenskizzen zu Bühnenbildern anmuten. Das aber sind sie nicht. Man kann in ihnen vielmehr freie Studien erkennen, die mit der Zentralperspektive spielen und das Verhältnis zwischen Körper und Raum untersuchen. Hier könnte man von einem Konstruktivismus sprechen. Manche Zeichnungen erinnern an den Vater dieser Richtung, an Wladimir Tatlin und die Zeit, als einige wenige Künstler während und nach der russischen Revolution 1918 auch an eine ästhetische Revolution glaubten.

Wiederum andere geometrische Bilder Achim Freyers verleihen der Farbe das Supremat, während die lineare Konstruktion zurücktritt. Diese Bilder sind (wie viele andere Werke auch) nur mit ihrem Entstehungsdatum betitelt. Sie untersuchen die räumliche Wirkung von Farben, ihr subtiles Vor- und Zurückspringen, wobei Diagonalen in der Fläche der Leinwand Türen zu öffnen scheinen und den Blick auf eine imaginäre Bühne ziehen. Vergleicht man nun diese Bilder mit ganz konkreten Bühnenbildentwürfen Freyers, erkennt man auch hier – wie bei den Figuren – die große Verwandtschaft. Beide Sphären gehören bei Achim Freyer einfach zusammen, denn auch seine Bühnenwerke sind letztlich eine Art Malerei, die konstruktivistisches Kalkül und expressionistische Emotion auf unverwechselbare Weise miteinander vereinen.

Dr. Dietmar Schuth

 

 

Katalog 2002-2012

Kat2012titel

10 Jahre Kunstverein Worms

50 Ausstellungen

75 Künstlerinnen und Künstler

1 Dokumentation

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Susanne Kamps

BED & BREAKFAST –

9. März – 6. April 2014 –

2001 absolvierte die Düsseldorfer Malerin Susanne Kamps ihr Studium an der Kunstakademie Münster bei Prof. Hermann-Josef Kuhna als Meisterschülerin. Seit dem zieht es sie immer wieder in den Süden Frankreichs, wo die meisten ihrer Bilder als eine Art Reisetagebuch entstehen. Wie schon die ‚wilden’ Maler der Fauves vor gut 100 Jahre lässt sie sich hier von dem intensiven Licht des Südens anregen. Wilde und besonders kräftige Farben gewinnen hier ein sinnliches Eigenleben, das kaum noch an den tatsächlichen Dingen haften will. Die akademische Perspektive verflacht, und die Farben selbst verschaffen sich ihren Raum und ihre Freiheit. Seit einiger Zeit findet Susanne Kamps ihre Sonne und ihre Farben auch in anderen Mittelmeerländern – in Kroatien und in Israel.

 

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Gerhard Pallasch

Commedia dell’ arte – 3. 11. – 1. 12. 2013 –

Der Wormser Maler und Grafiker Gerhard Pallasch hätte in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag gefeiert. Aus diesem Anlass möchte der Kunstverein Worms den unvergessenen Künstler posthum mit einer Ausstellung ehren. Bekannt war und ist der Kokoschka-Schüler Pallasch vor allem für sein grafisches Werk, seine wunderbaren Zeichnungen und Buchillustrationen. Seltener sind seine Gemälde, die nun im Mittelpunkt stehen werden. Dabei dominiert ein großes Thema, das ihn seit den 1950er Jahren immer wieder fasziniert hat: die Figuren und Masken der Commedia dell’ arte. Vor allem liebte er den Harlekin, den er einmal sogar als seine eigene Lebensphilosophie bezeichnet hat.

 

Mathias Otto

ALLNÄCHTLICHES – 29. 09. – 27. 10. 2013

Der 1958 in Nürnberg geborene und ebenda an der Kunstakademie ausgebildete Maler Mathias Otto hat sich einem seit dem Barock bekannten Genre verschrieben – dem Nachtstück. Auch die Romantik liebte solche meist menschenleeren Nocturni. Mathias Otto aber malt durchaus zeitkritische Interieurs und Exterieurs unserer Epoche. Er spiegelt damit sehr elementare Gefühle, die auch den modernen Menschen nachwievor allnächtlich berühren. Dabei kann die Elektrifizierung der Nacht nicht alle Ängste vertreiben, vielmehr beleuchtet sie eine oft seelenlose Urbanität und traurige Wohnkultur, wie auch Gefühle der Einsamkeit und Sehnsucht in einer unromantischen Welt.

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Bitzigeio, Kirsch, Paltzer

Recycle – 3 KünstlerInnen aus der Eifel –

Werner Bitzigeio, Dorothea Kirsch, Kalle Paltzer – 25.08. – 22.09. 2013 –

Der Kunstverein Worms präsentiert drei KünstlerInnen, die biographisch eng mit der Eifel verbunden sind. Alle sind hier oder am Rande dieser alten Kulturlandschaft geboren und aufgewachsen, haben als junge Leute in fernen Großstädten studiert und gearbeitet und sind zum Teil wieder zurückgekehrt. Diese biografischen Parallelen sind zunächst nur eine formale Gemeinsamkeit. Jede/r nimmt selbstverständlich eine ganz individuelle Position ein und schafft ganz unterschiedliche Kunstwerke. Aber alle Drei stehen sich auch ästhetisch nahe, wie zu zeigen sein wird: Alle Drei beschäftigen sich künstlerisch mit der Natur und verwandeln industriell gefertigte Materialien in organisch anmutende Kunstwerke. Oft werden dabei – wie einst bei der italienischen Arte povera – alte Materialien verwendet: ausgediente Eisenteile, achtlos weggeworfene Papiere oder alte Nylonstrümpfe, so dass man von einem ästhetischen Recycling sprechen kann.

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    Bitzigeio                              Kirsch                                   Paltzer

Katalogtext:

Werner Bitzigeio entstammt einer italienischen Steinhauerfamilie, die es im 18. Jahrhundert in die an Steinbrüchen reiche Eifel verschlagen hat. Er jedoch hat sich dem in der Eifel ebenfalls sehr traditionsreichen Eisen zugewandt. Dabei war Draht lange sein bevorzugtes Material, das er zu linearen Zeichnungen im Raum verwickelte, verstrickte, verwebte. Während Steinskulpturen massiv und monumental sind, erscheinen Bitzigeios Eisenoder Stahlobjekte leicht und luftig, transparent. Man könnte sie als konstruktivistisch bezeichnen und dabei an einen anderen berühmten Mann aus der Eifel denken, Gustave Bönickhausen, dessen Familie einst von Marmagen in der Eifel nach Paris auswanderte und sich fortan Eiffel nannte. Doch Bitzigeio ist kein Skelettbauarchitekt oder Ingenieur und konterkariert gerne den industriellen Ursprung seines Metallmaterials. So verwendet er seit einiger Zeit neben dem Draht auch Moniereisen, das Architekten für ihre Betonbauten verwenden. Er verwandelt dieses Eisen in eine plastische Struktur, raubt ihm dabei seine funktionale Bestimmung und verwandelt das zweidimensionale Quadrat­raster in eine dreidimensionale Kugelform. So gelingt Bitzigeio eine Art Quadratur des Kreises und die Verwandlung eines banalen Baustoffes in ein schönes Kunstwerk. Kugeln und andere runde Formen dominieren dabei das Formenrepertoire des Werner Bitzigeio, womit er sich vom rationalen Rasterdenken funktionaler Konstruktionen entfernt und sich den organischen Strukturen der Natur nähert. Das gilt auch für seine massiven Kugeln aus runden oder vierkantigen Eisenrohren. Die rostrote Patina der meisten Objekte unterstreicht den natürlichen Aspekt, insbesondere dann, wenn sie direkt in der Natur präsentiert werden. Darüber hinaus erschließt Bitzigeio mit den Metamorphosen des Materials sogar zeitkritische Aspekte. Wenn er zum Beispiel Stacheldraht zu einem runden Knäuel verwickelt, recycelt er das Aggressive in etwas Ästhetisches. Noch deutlicher wird diese pazifistische Wandlung bei seinen Arbeiten mit ausgedienten Schweißdrähten, die der Künstler von einer Rüstungsfirma bezieht und in friedlich schöne Geflechte mit komplexer Stereometrie verwandelt.

Dorothea Kirsch  ist gelernte Puppenspielerin, die sich seit gut 20 Jahren ganz der bildenden Kunst verschrieben hat. Ihre ersten freien Kunstobjekte sind Mobilés, die noch deutlich eine Verwandtschaft zu Marionetten verraten. Aus ganz einfachen Materialien wie Draht, Pappmaschee oder alten Textilien gelingen ihr verblüffend naturgetreue Figurationen, die freilich keiner Theaterregie mehr folgen müssen, sondern nur noch leise und poetisch vom Wind bewegt werden. Wie Bitzigeio zeichnet auch sie in den Raum, schafft transparente Objekte und recycelt dabei gerne ausgedientes Industriematerial. Hinzu kommen Fundstücke aus der Natur, Treibholz, Äste, Knochen usw. Dem Mobilé ist Dorothea Kirsch bis heute treu geblieben, wie die neueren Arbeiten ‘Elephants’, ‘Last Summer Queen’ (eine riesige Libelle) oder ‘Larve’ beweisen. Dieser zoologisch inspirierten Gruppe von Arbeiten der Dorothea Kirsch folgt eine Reihe von Werken, die eher botanische Themen aufgreifen und von der Künstlerin ‘Botanikels’ genannt werden. Das sind Blätter (wie Ginkgo), Blüten (wie Seerosen) und Früchte (wie Schlafmohn), die in ihrem (fraktalen) Bauplan analysiert und mit Draht oder dünnen Eisenstäben in eine lineare Raumzeichnung verwandelt werden. Pappmaschee, in das zum Teil echte Blätter eingearbeitet sind, oder rostige Bleche füllen die Flächen, so dass wiederum sehr anmutige Figurationen entstehen. Koloristisch bewegen sich diese Botanikels zwischen Weiß und Dunkel sowie den rostigen Tönen Rot, Braun, Orange – eine sehr archaische Farbpalette. Alle Objekte wirken gealtert und verwittert, manchmal auch verwelkt und morbide. Doch sie sind schön und beweisen, wie man aus ganz ärmlichen Materialien im Sinne der Arte povera Kunst machen kann. Das gilt auch für viele andere Ideen, die Dorothea Kirsch in den letzten Jahren entwickelt hat, wobei ihre kinetischen Objekte (Kinetikels) hervorzuheben wären. Das sind bizarre Maschinen aus Fundstücken wie zum Beispiel einem alten Plattenspieler, der in ein surreales Karussell umgebaut wird. Kunst kann zaubern.

Kalle Paltzer hat in der Eifel eine Töpferlehre absolvert, ehe es ihn nach Köln zog. Er ist ein echter Tausendsassa, Musiker, Schauspieler, Illustrator, Grafiker und seit den 1990er Jahren bildender Künstler. Papier ist dabei sein Ausgangsmaterial, das er seit vielen Jahren auf den Straßen und Spazierwegen sammelt. Diese oft achtlos weggeworfenen Fetzen werden in sein Archiv aufgenommen , um dort auf ihr ästhetisches Recycling zu warten. Meist wird zunächst mit Pappe ein Grundgerüst gebaut, auf dass dann Pappmaschee (Pulpe) mit einem selbst entwickelten Spezialleim aufgetragen oder Papier in zahlreichen Lagen aufkaschiert wird. Beim Trocknungsprozess zieht sich das nasse Papier zusammen, lässt das darunterliegende Gerüst plastisch hervortreten und verformt schließlich die ganze Papierplastik in konkave oder konvexe Formen, ein Vorgang, den der Künstler mit Gewichten geschickt zu steuern weiß. Zweidimensionales Papier wird also in einen dreidimensionalen Körper verwandelt, den man auch als Reliefs bezeichnen könnte, der als hängendes Wandobjekt seinen Platz als Kunstwerk findet. Kalle Paltzer gelingen so echte Metamorphosen. Das industriell hergestellte Papier wird jeweils in einen elementaren Urund weichen Aggregatzustand verwandelt, so dass es neu geformt werden kann. Wie bei echtem Recyclingpapier entsteht etwas Neues aus etwas Alten, das sich freilich ganz von der industriellen Perfektion löst und dem Papier seine organische und vegetabile Natur wieder zurück gibt. Der Leim und farbige Reste im Papier selbst reagieren miteinander und erzeugen eine eigene zarte Farbigkeit. Bisweilen forciert der Künstler dieses Kolorit durch zugesetzte Pigmente. Licht und Schatten spielen über die Oberflächen, die – je nach Betrachtungswinkel – immer neue Strukturen offenbaren. Dabei können sich Assoziationen an Pergament, Haut und Adern, Rippen und knochenähnliche Strukturen einstellen. Man kann auch an verputzte Wände oder Steine denken, die bei Kalle Paltzer freilich nur eine optische Schwere und Massivität suggerieren. Und je länger man schaut, desto faszinierender wird dieses Trompe- l’oeil und die Kunst des Kalle Paltzer “mit dem Auge zu fühlen”.

Dr. Dietmar Schuth

Florin Sebastian Winkler

ABSTRAHIERTE ARCHETYPEN – 23.06. – 21.07. 2013 –

Katalogtext:

Schon 2005 zeigte der Kunstverein Worms Werke von Florin Sebastian Winkler in seiner Ausstellung “Siegfriede”. Acht Jahre später kehren seine alten Helden zusammen mit vielen neuen Werken in die Nibelungenstadt am Rhein zurück. Denn der Künstler hat diesem heroischen Epos aus sagenhafter Zeit eine echte Treue geschworen und beschäftigt sich seit vielen Jahren nahezu ausschließlich damit. Dabei bildet eine genaue philologische Kenntnis der drei überlieferten Handschriften die Grundlage eines jeden Bildes, das jeweils die betreffende Aventüre zitiert und illustriert.

Zunächst widmet Winkler den wichtigsten Hauptrollen ein eigenes Porträt: Siegfried natürlich sowie Kriemhild und Hagen. Auch Brünnhilde und Gunther erscheinen in ihren allseits bekannten Nebenrollen, sowie ein eher unberühmter Statist, der Kaplan des Königs. Weissagende Wasserfrauen hatten den nach Ungarn ziehenden Burgundern prophezeit, dass nur dieser nicht ins Verderben gezogen würde. Hagen will ihn darauf in der Hochwasser führenden Donau ertränken, doch der Kaplan überlebt durch ein Wunder und bestätigt so die Prophezeiung.

Winkler erzählt uns das in Worms wahrlich allgegenwärtige Epos auf seine ganz persönliche Weise und konzentriert sich auf Personen und Szenen, die ihn besonders interessieren. Und diese sind nicht immer die berühmtesten, so dass man das eine oder andere vermissen könnte, wenn man den Stoff zum Beispiel nur durch die Rezeption eines Richard Wagner kennt. Winkler erzählt seine eigene Geschichte, interessiert sich auch für dramatisch weniger brisante Momente wie den kleinen Zickenkrieg zwischen Kriemhild und Brünnhilde auf den Stufen des Wormser Domes oder die Lehensbeziehung zwischen Siegfried und Gunther.

Es wird deutlich, dass Winkler kein Illustrator des Nibelungenliedes sein will und auch die Chronologie der Ereignisse durchmischt. Es geht ihm nicht um ein Nacherzählen, sondern um eine Exegese des Geschriebenen. Denn die Figuren des Nibelungenliedes sind mehr als nur Teile einer fortlaufenden Handlung, sie verkörpern archetypische Charaktere und elementare Konflikte zwischen den Menschen, die auch im 3. Jahrtausend noch gelten. Hier sind es vor allem die bösartigen Seiten des Menschen, die Winkler in seinen Bildern auslotet, wie das schauderhafte Gemetzel an Etzels Hof oder die rachsüchtige Ermordung Hagens durch Kriemhild am Ende der Geschichte. Und schaut man in die Welt von heute mit ihren vielen Kriegsschauplätzen, zeigt sich wie aktuell die Bilder von Florin Sebastian Winkler sind. Immer noch schwören fragwürdige Helden ihre Waffeneide und geben sich wie vor über tausend Jahren archaischen Rachegefühlen und der Lust am Töten hin.

Betrachtet man nun die Bilder dieser Ausstellung und ihres Kataloges, wird deutlich, dass der Künstler die literarische Reduktion und Abstraktion des Nibelungenliedes auch malerisch umsetzt. Alle seine Bilder zeigen zwar menschliche Figuren mit ihren Kostümen und Requisiten, die sie als mittelalterliche Helden und Heldinnen ausweisen, doch sind alle Motive stark schematisiert. Das gilt ebenso für alle anderen Elemente, die man als Teile eines Bühnenbildes ansprechen könnte, wie Landschaft und Architektur. Darüber hinaus werden diese Schemen nicht nur in ihren Konturen abstrahiert, sondern auch farbig fraktioniert und in einfarbige Farbflächen aufgetrennt. Dies erinnert ein wenig an die Lokalfarbigkeit mittelalterlicher Fresken oder Buchmalereien, die jeder Figur meist nur eine Farbe zuordnete und diese oft ohne Schattierungen und Binnen­zeichnungen schematisch gestaltete. Man kann auch an mittelalterliche Glasmosaiken denken, die ebenfalls aus monochromen Flächen gefärbten Glases zusammen gesetzt wurden und lediglich durch Schwarzlot eine Binnenzeichnung erhielten.

Die Mosaiken des Florin Sebastian Winkler bestehen aber nicht aus transparentem Glas, sondern aus einem festen Karton, den er mit Acrylfarbe monochrom bemalt und dann mit anderen, geometrisch oft bizarren Farbkartons zusammen setzt. Dabei folgt er nur selten einer realistischen Farbgebung, sondern eher einem wirklichkeitsfremdem Kolorit, das allen Dingen wie schon im Expressionismus oder in der Pop-Art einer farblichen Verfremdung unterzieht. So verlieren sich viele figurativen Motive in einer freien und abstrakten Farbe, die ein dynamisches Eigenleben entwickelt und selbst zum expressiven Handlungsmotiv wird.

Diese ungewöhnliche und technisch sehr anspruchsvolle Technik lässt sich auch mit ganz modernen Bildwelten vergleichen, die nicht unbedingt aus der Kunstgeschichte stammen. So kann man bei der für Winkler so typischen Addition farbiger Flächen an Paint-by-Numbers-Bilder denken, wo die einzelnen Elemente ebenfalls ohne Übergänge aufeinander stoßen. Darüber hinaus werden jene farbigen Kartons von Winkler nicht plan, sondern dreidimensional zusammen gefügt. Sie werden zum Relief, verlassen die klassische Wand, greifen sogar in den Raum hinein und erinnern bisweilen an die seit einigen Jahren vermarkteten 3-D-Puzzles.

Florin Sebastian Winkler gelingt also eine Synthese ganz alter künstlerischer Techniken mit den trivialen Bildwelten unserer Zeit und schafft so eine völlig neue ästhetische Sichtweise auf einen uralten Stoff. Man erinnere sich, wie grauenhaft pathetisch das Nibelungenlied noch im 19. und 20. Jahrhundert illustriert wurde, so dass ein zeitgenössischer Künstler kaum noch anschließen kann. Doch Winkler gelingt eine sehr jugendliche Umsetzung des Themas. Schließlich sind die Helden des Mittelalters auch im Computerzeitalter des 3. Jahrtausende mit seinen digital animierten Fantasiecomics sehr populär und so alte Stories wie das Nibelungenlied noch lange nicht gestorben.

Dr. Dietmar Schuth