Mathias Otto

Mathias Otto

ALLNÄCHTLICHES – 29. 09. – 27. 10. 2013

Der 1958 in Nürnberg geborene und ebenda an der Kunstakademie ausgebildete Maler Mathias Otto hat sich einem seit dem Barock bekannten Genre verschrieben – dem Nachtstück. Auch die Romantik liebte solche meist menschenleeren Nocturni. Mathias Otto aber malt durchaus zeitkritische Interieurs und Exterieurs unserer Epoche. Er spiegelt damit sehr elementare Gefühle, die auch den modernen Menschen nachwievor allnächtlich berühren. Dabei kann die Elektrifizierung der Nacht nicht alle Ängste vertreiben, vielmehr beleuchtet sie eine oft seelenlose Urbanität und traurige Wohnkultur, wie auch Gefühle der Einsamkeit und Sehnsucht in einer unromantischen Welt.

Katalogtext

Die heiligen und unheiligen Nächte des Mathias Otto

„In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat der Engel des Herrn zu ihnen und der Glanz des Herrn umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr, der Engel aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude …“ So berichtet das Lukas-Evangelium im Kapitel 2, Vers 8 und erzählt damit von einer der wenigen biblischen Nachtszenen, die Eingang in die Kunstgeschichte fanden. Der Text lässt freilich offen, ob die Geburt selbst in der Nacht stattfand und der anschließende Besuch der Hirten bereits am folgenden Tage, so dass die ersten abendländischen Maler die Szene lieber in das buntfarbige Licht des Tages verlegten.

Erst in der Malerei der Spätgotik und beginnenden Renaissance erscheinen die Heilige Nacht bei Sternenlicht und die Szene selbst im Kerzenschein. Im Manierismus und Barock werden solche Nachtstücke immer beliebter, und neue Szenen kommen hinzu. Berühmt ist beispielsweise die ‚Flucht nach Ägypten‘ von Adam Elsheimer (1609) in der Alten Pinakothek München, eine der ersten Mondschein-Bilder überhaupt. Der italienische Maler Caravaggio sollte das Genre schließlich weiter ausbauen und mit seinem dramatischen Chiaroscuro die Malerei des Barock wie kein anderer prägen. Mathias Otto hat sich also einer schönen alten Tradition verschrieben, die bis in die Romantik reicht, in der die Nacht vor allem als magisches Naturerlebnis geschildert wird. Auch Maler der klassischen Moderne lassen sich anführen, ein Edward Hopper beispielsweise, der die nächtliche Großstadt melancholisch widerspiegelt, oder jüngeren Fotografen wie Thomas Ruff und andere.

Die moderne Elektrifizierung aller Lebensbereiche hat der Nacht jedoch ihre pechschwarze Finsternis genommen und den guten Mond zur einer Leuchtreklame unter vielen anderen degradiert. Besonders im urbanen Ambiente hat künstliches Licht Malern und Fotografen neue Anreize geschaffen, die auch den Farbensinn reizen und nicht mehr nur die atavistische Hell-Dunkel-Wahrnehmung. So sucht Mathias Otto in seinen nächtlichen Exterieurs weniger den Mond als natürliche Lichtquelle, sondern meist das kalte Neonlicht der Straßenlaternen und Bushaltestellen, hin und wieder das etwas wärmere Licht von Natriumlampen, die Lichtkegel von Autoscheinwerfern oder die in warmen Gelb- oder Rottönen leuchtenden Fenster der Häuser und Mietskasernen. Bei seinen Interieurs dominiert das künstliche Licht von einsamen Glühbirnen, kleinen Nachttischlampen, Fernsehern und anderen Monitoren. Ein einziges Bild zeigt Kerzenlicht und erinnert mit seinem Titel ‚Advent‘ an den Ursprung des ganzen Genres.

Mathias Otto ist also ein sehr moderner Romantiker, der von den dunklen Wäldern oder finsteren Moorlandschaften in eine Stadt des 21. Jahrhunderts verschlagen wurde. Hier kann sich kein Wanderer mehr verirren und von Irrlichtern ins Verderben leiten lassen, denn alle Wege sind beleuchtet. Niemand muss hinter dunklen Baumschatten wilde Tiere oder böse Räuber fürchten. Auch alle Geister und Dämonen der Nacht sind längst ins Kinderzimmer vertrieben. Die Nacht ist befriedet und stellt keine Bedrohung mehr dar. Die Natur ist zu einem Teil einer rationalen Lebenswelt geworden, die keine Magie mehr gelten lässt.

Doch schaut man auf die modernen Nachtstücke des Mathias Otto, kann man diese Behauptungen nicht lange halten. Auch wenn die Nacht heute weitgehend entzaubert scheint, haben die Gefühle des Menschen dem technischen Fortschritt nicht Schritt halten können. Das Tagwesen Mensch kann seine biologischen Dispositionen nicht ganz vergessen und flüchtet wie schon seine Vorfahren tagtäglich vor der Nacht und sucht Schutz vor ihren äußeren wie inneren Bedrohungen. Und selbst wenn der abendliche Nachhauseweg mit vielen Tausend Watt erleuchtet ist, regen sich bei jeden Menschen alte natürliche Instinkte, die ihn besonders aufmerksam und ängstlich machen.

Mathias Otto inszeniert in seinen wunderbaren, ja zauberhaften Nachtstücken also nicht nur die Tristesse menschenleerer Großstadtnächte, er sucht nach jenen alten Stimmungen, die schon einen Caspar David Friedrich oder einen E.T.A. Hoffmann faszinierten. Ja, einige Bilder kann man sogar als schaurig bezeichnen, wie ‚Warten auf M.‘ Ein roter Ball liegt hier auf der Straße, ein Warnsignal für jeden Autofahrer, der auch für Kinder bremst. Alte Gefühle und Erinnerungen an die eigene Kindheit werden wach, wie der Ruf der Mutter, endlich ins Haus zu kommen. Mathias Otto verschärft die Szene mit dem Bildtitel, der sich auf Fritz Langs Film ‚M – Eine Stadt sucht einen Mörder‘ bezieht, einen Kindermörder wohlgemerkt.

Nicht nur schaurig, sondern sogar spukhaft erscheint das Bild ‚Living in a box‘, in dem ein wie von Geisterhand bewegter Wald in ein Zimmer dringt und an alte Gruselfilme aus Hollywood denken lässt. Gespenstig auch die Versammlung von geöffneten Kühlschränken auf einem Schrottplatz oder Friedhof in dem Bild ‚Raumordnungsverfahren‘. Surreal und rätselhaft zu nennen ist die kleine Serie von Bildern unter dem Titel ‚Die wollen ja nur spielen‘, worin Tipp-Kick-Figuren wie in den romantischen Märchen eines Hans Christian Andersen lebendig werden und die reale Menschenwelt erobern.

Diese schaurig-surrealen Bilder sind jedoch eher Capriccios in der Bildwelt des Mathias Otto. Die meisten seiner Bilder erzählen von einer sehr realen Welt, die der Künstler zum Teil kritisch beleuchtet, denn in der Nacht wird die Seelenlosigkeit urbaner Architektur und Raumplanung besonders deutlich. Noch nachhaltiger erzählt Otto von den psychologischen Dimensionen der Nacht. Ihn fasziniert die Einsamkeit des modernen Menschen, der vielleicht sogar freiwillig vor dem Leben in die Nacht flüchtet und hier die Einsamkeit genießt, und trotzdem traurig bleibt, denn all die Lichter der Nacht – ob natürlich oder nur künstlich – formulieren auch eine Sehnsucht und stille Hoffnung.

Dr. Dietmar Schuth

 

www.mathiasotto.de

FacebookmailFacebookmail